
Weihnachten - runderneuert
Weihnachten ist müde geworden – jedes Jahr das gleiche „Geschäft mit der Weihnacht“. Christbaumkugeln – passend zu den jeweiligen Wohnraumdekotrends - leuchten bereits Ende Oktober aus den Auslagen.WEIHNACHTEN – RUNDERNEUERT
Weihnachten ist müde geworden – jedes Jahr das gleiche „Geschäft mit der Weihnacht“. Christbaumkugeln – passend zu den jeweiligen Wohnraumdekotrends - leuchten bereits Ende Oktober aus den Auslagen. Schokokringel, Windbäckerei und süßen Weihnachtsbaumbehang kann man schon ab September aus mehreren Katalogen bestellen. Weihnachtsmänner und Nikoläuse bevölkern die Einkaufszentren und Straßen. So genannte Geschenkefinder im Internet sollen helfen, für die Liebsten das passende Geschenk zu finden, je nach Geldbörse einfach schlicht oder glänzend luxuriös.
Weihnachten - wohin man schaut – obwohl die Bäume gerade erst ihr prachtvolles rotgoldenes Herbstkleid tragen, die Sonne ihren Kampf gegen den Winter noch nicht verloren hat, die Kinder auf den Wiesen im Herbstwind ihre bunten Drachen steigen lassen und die Kastanien braun glänzend aus ihrer Schale springen und zu Boden fallen.
Während in den Herzen der Menschen noch der Sommer nachschwingt, umgibt uns auf Plakaten, im Fernsehen, im Radio, im Internet, in den Zeitungen schon Weihnachten. Hallelujah.
"Ich brauche ganz dringend eine Runderneuerung", dachte sich Weihnachten. Gerade in unserer heutigen, wenig trostreichen Zeit ist ein besinnlicher Ablauf des Weihnachtsfestes mit den alten, immer wieder schönen Bräuchen eine gute Gelegenheit zur Wiederentdeckung von Werten, die es verdient haben, über das Heute hinübergerettet zu werden. Traurig schüttelte Weihnachten den Kopf. Leider hat der Konsumwahnsinn dieses Bewusstsein in vielen Menschen überschattet.
Doch wo die richtige Werkstatt finden? Wo den geeigneten, fachkundigen Helfer finden, der mir hilft, wieder auf den richtigen Weg zu kommen? In den zahlreichen Suchmaschinen im Internet herumstöbern, sämtliche Zeitungen lesen, fachkundigen Rat bei einigen Werkstätten einholen. Weihnachten war ein wenig ratlos geworden und machte sich auf den Weg.
Simon wollte gerade seine Werkstatt schließen – heute war Heilig’ Abend und es kommt sicher niemand mehr vorbei. Zu Hause wartet schon seine Familie – um gemeinsam das Weihnachtsfest zu feiern.
Da klopfte es an der Türe. "Hallo, noch wer da?" Simon eilte zur Türe und öffnete. Ein alter Mann, müde, auf einen Stock gestützt stand vor der Türe. "Geht sich heute noch eine Runderneuerung aus", fragte er. Ganz verdutzt blickte Simon den Alten an. "Ich wollte meine Werkstatt für heute eigentlich schon schließen", antwortete Simon. Er spürte jedoch die leise Verzweiflung des alten Mannes. So fragte er: "Wo ist der Wagen, und was gehört gemacht?" "Nicht mein Wagen, sondern ich brauche eine Runderneuerung", antwortete der alte Mann.
"Mein Name ist „Weihnachten". Ich habe einen langen, beschwerlichen Weg hinter mir und bin ein wenig müde. Darf ich mich kurz setzen."
"Aber natürlich“, antwortete Simon. Er führte den alten Mann in seine Werkstätte und bot ihm einen Platz an. "Ich muss bis zum Heiligen Abend wieder fit sein, die Menschen warten auf mich – ich kann und will sie nicht enttäuschen", sagte er, während er sich setzte.
"Es liegt doch bei den Menschen selbst, wie fit Du bist", meinte Simon. "Wenn ich Dich so ansehe, weiss ich wirklich im Moment nicht, wo ich anfangen soll und ob sich das heute alles noch ausgeht."
"Erzähl mir doch einfach, was Weihnachten für Dich bedeutet. Ich glaube, das würde mir schon eine ganze Menge weiterhelfen." Simon lehnte sich in seinem Sessel zurück und fing zu erzählen an.
"Alljährlich im Dezember, wenn Nebel, Schnee und Eis das Land verhüllen und die Nächte am längsten sind, erwacht die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit in mir. Weihnachten – es ist für mich der Duft von Bratäpfeln mit Zimt, von süßer Weihnachtsbäckerei, ein helles Kerzenlicht, ein wärmendes Feuer im Kamin, gemischt mit einem Hauch von Frieden, Glückseeligkeit, Stille und Einkehr. Innehalten und sich mit anderen von Herzen freuen."
"Siehst Du", sagte der Alte, "gerade deswegen, habe ich Deine Werkstatt ausgesucht. Du kannst mir bestimmt helfen."
Simon fuhr fort: "Wenn ich mich so umsehe, bedeutet heute für den Großteil der Menschen hier auf Erden Weihnachten nichts anderes mehr, als "Wer macht die größten Geschenke, die teuersten, die glänzendsten, die wertvollsten?"
Die Geschäftsleute locken mit Sonderangeboten speziell zu Weihnachten – so als würde es all diese Dinge übers Jahr nicht geben. Der Weihnachtsgeschirrspüler, der Weihnachts-DVD-Player, der Weihnachts-Eye-Pod, das Weihnachtshandy, die Weihnachtsdigitalkamera, die Weihnachtstraumkreuzfahrt in die Karibik, all das hat doch eigentlich mit Weihnachten überhaupt nichts zu tun.
Schon Wochen vor dem heiligen Abend werden wir zugepflastert mit Weihnachtswerbung. "Leise rieseln die Preise", "Noch nie war Weihnachten so günstig", "Alles für das Fest der Liebe – minus 30 Prozent", "Greifen Sie zu, Weihnachtsschnäppchenpreise auf das gesamte Produktsortiment", „Machen Sie Ihre Liebsten glücklich zu Weihnachten".
Die Menschen hasten und eilen von einem Kaufhaus ins andere, sie wollen ja genau das kaufen, was ihre Liebsten glücklich macht. Aber ich glaube, niemand ist wirklich glücklich dabei.
Negative Gefühle, wie Unzufriedenheit, Sorgen, Neid, Hass, Ärger zerstören die Freude am Leben und gerade zur Weihnachtszeit verstärken sich diese Gefühle noch mal sehr. Viele Menschen sind im Stress, so wie zu keiner anderen Jahreszeit."
Der alte Mann nickte zustimmend. "Ja siehst Du, leider ist genau das aus Weihnachten geworden. Und das ist der Grund, weshalb ich mich nicht mehr gut fühle." "Die Menschen müssen wieder lernen, Freude in ihr Herz zu lassen", sagte Simon. "Es bedarf so wenig kleiner Dinge, um glücklich zu sein. Mit der Familie, mit Freunden zusammen sein, froh zu sein, dass es allen, die wir lieben gut geht, sich Zeit für Familie und Kinder zu nehmen. Die Kinder nicht nur voll stopfen mit teuren Geschenken, mit denen sie sich dann alleine die Zeit vertreiben müssen. Zuhören und ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste anderer zu haben, und nicht nur bis zur eigenen Nasenspitze zu denken. Das Herz nicht nur für sich selbst zu nutzen, sondern auch für andere."
Während Simon so erzählte, veränderte sich das müde Gesicht des alten Mannes – ja es strahlte sogar, und er sagte. "Es tut mir sehr gut, Dir zuzuhören, Simon. Ich spüre richtig, meine Kraft zurückkommen, den Mut, die Hoffnung – all das, was ich schon lange verloren geglaubt hatte. Ja, ich fühle mich wie neugeboren und ich denke, ich habe jetzt wieder ausreichend Kraft, den Weihnachtsgedanken in die Herzen der Menschen zurück zu bringen. Wenn die Menschen es schaffen, die Konzepte aufzulösen, die sie von Weihnachten haben, dann können Sie sich neu öffnen und eine schöne Zeit in der Familie erleben, die schließlich in diesen Tagen eines hat, was immer seltener geworden ist: Zeit füreinander. Sich Besinnen auf das Gemeinsame, das Erleben schöner Tage des Miteinanders, können Weihnachten wieder zu einem besonderen Fest werden lassen."
Simon blickte zum Fenster hinaus. Während seines Gespräches mit dem alten Mann war es dunkel draußen geworden und es hatte zart zu schneien begonnen. "Was bin ich Dir schuldig, Simon", fragte der alte Mann. "Um Himmels willen, gar nichts", sagte Simon. "Ich bin sehr froh, dass ich Dir habe helfen können. Ich muss mich jetzt auf den Weg nach Hause machen. Meine Familie wartet sicher schon auf mich. Wenn Du willst, kann ich Dich noch ein Stück mitnehmen."
"Das ist nicht nötig", antwortete der alte Mann. "Ich muss jetzt auch los, denn ich habe noch viel zu tun heute Abend."
Simon begleitete den alten Mann namens "Weihnachten" zur Türe und blickte ihm lange nach. Er war sich sicher, dass in dieser heiligen Nacht die Freude in die Herzen der Menschen zurückkehren wird.
Lass Freude in Dein Herz – ganz besonders zur Weihnachtszeit!
www.ulrike-baumann.at


